“Menschen legen wieder mehr Wert auf nachhaltige Produkte“

Buy less, choose well, make it last – was Vivienne Westwood predigt, setzt die Schneidermeisterin Barbara Heinze in ihrem Münchner Atelier in die Tat um. Sympatex kooperiert schon seit einigen Jahren mit der Münchner Designerin, die einen Repair-Service für ökologische Outdoorbekleidung anbietet.

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Schneidermeisterin Barbara Heinze stand uns in ihrem Atelier Rede und Antwort

Barbara, wann und wie hast Du angefangen mit Deinem eigenen Atelier?

Ich habe eine Schneiderlehre gemacht und bin dann direkt in der Outdoorbranche, gelandet und war unter anderem für Design und Produktentwicklung zuständig. Danach habe ich drei Jahre Modegrafik studiert und nebenbei noch meinen Schneidermeister gemacht. In der Zeit, in der ich vorrangig freiberuflich für verschiedene Outdoor-Brands im Entwurf gearbeitet habe, habe ich erkannt, dass die Outdoorindustrie vorrangig mit sehr umweltschädlichen Stoffen arbeitet. Da ich an dieser Problematik bei diesen Großkonzernen aber nichts ändern konnte, habe ich mich zurück zum Schneiderhandwerk orientiert und kurzerhand 2008 meine eigene Outdoor-Kinderlinie gegründet, die so ökologisch wie möglich ist – dank der Verwendung von ausschließlich bluesign-zertifizierter Ware oder auch recycelbaren, PFC-freien Sympatex-Laminaten.

Ich arbeite zudem ohne die üblichen schnell-wechselnden Kollektionen, da ich mir das einerseits als Ein-Frau-Betrieb nicht leisten kann und ich andererseits daran interessiert bin, nachhaltige Designs zu schaffen, die auch nach 10 Jahren noch tragbar sind. Nebenbei war ich außerdem lange Zeit für Patagonia tätig und habe dort mit meinem technischen Know-how das „Worn-Wear-Projekt“ unterstützend umgesetzt. Um Jacken, die nicht mehr reparierbar sind, in den Sammelkreislauf einbeziehen können habe ich zudem angefangen, diese auch in meinem Atelier zu sammeln und zu neuen Produkten zu verarbeiten. 

Copyright: Susanne Krauss
Barbara Heinze in ihrem Atelier

Was ist das größte Problem an (Outdoor)kleidung?

Die technische Entwicklung hat uns im Lauf der Zeit super Qualitäten und Materialien gebracht, z.B. die große Innovation der Wasserdichtheit – heute ist das selbstverständlich. Die Jacken werden zudem immer leichter und rascheln weniger. Jedoch gehen Innovationen oft auf Kosten unserer Umwelt, da hierfür auch immer mehr Chemikalien eingesetzt werden, die unsere Umwelt sehr belasten. Und für den Endverbraucher ist überhaupt nicht zu durchschauen, was für ein Material verwendet wurde und wie dieses entstanden ist. Selbst ich denke manchmal, es wäre hilfreich Chemie studiert zu haben, um die Herstellungsprozesse besser verstehen zu können. Viele wissen auch gar nicht, wie sie ihre Kleidung richtig waschen sollen, weil sie keine Ahnung haben, welches Material sie eigentlich tragen und delaminieren ihre Kleidung dadurch in kürzester Zeit. Auch als Einkäufer ist es schwer, unbelastete Materialien und Stoffe auszuwählen. Daher sind nachhaltige Unternehmen heute sehr darum bemüht, eigene Umweltbeauftragte zu beschäftigten, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen.  

Welche Materialien und Stoffe verwendest Du (deswegen nicht) für Deine Designs und warum?

Ich möchte ohne PFC-Ausrüstungen und -Chemie auskommen. Allerdings habe ich auch schon unabsichtlich Material gekauft, in dem fluorcarbonhaltige C8-Chemie (=Perfluoroctansäure / PFOA) verarbeitet war – ohne es zu wissen, da mir falsche Informationen über die Herstellung des Materials gegeben wurden. Daher versuche ich mich vorab immer intensiv zu vergewissern, ob das Material wirklich schadstofffrei hergestellt wurde, bevor ich es kaufe. Das bluesign-Label sichert hier im Kunstfaserbereich gewisse Mindeststandards ab, gewährleistet aber noch lange nicht, dass das Material zu 100% frei von belastender Chemie ist.

Im Merino-Jerseybereich verwende ich nur Wolle aus KbT, ein Qualitätssiegel auf das ich mich verlassen kann. Von den Naturfasern ist Hanf das Ökologischte was man kaufen kann, da es hier meist vollständig zertifizierte Ware gibt. Im Baumwollbereich kaufe ich nur GOTS (Global Organic Textile Standard) – oder iVN-Produkte.

© Susanne Krauss
Barbara Heinze legt bei der Auswahl ihrer Stoffe großen Wert auf Nachhaltigkeit.

Woher kommen die Materialien und wie kannst Du sicher sein, dass das, was Du verwendest, auch zu 100% Deinen Ansprüchen an nachhaltige Kleidung gerecht wird?

Im Naturfaserbereich ist es einfacher, da hier die Gütesiegel mit Zertifikaten, die einem Stoff zugeordnet sind, relativ gesichert sind. Im Kunstfaserbereich ist mein Vertrauen in bluesign leider schon enttäuscht worden. Aber es hat sich sehr viel weiterentwickelt, z.B. dank der Detox-Kampagne von Greenpeace. Die Outdoorbranche ist hier grundsätzlich schon aufgeschlossen, aber es spielt natürlich immer auch der Preis eine große Rolle. Und es ist für große Firmen natürlich viel schwieriger umzustellen, als für kleine Unternehmen. Ich kaufe nur, was ich benötige und habe keine große Produktion im Hintergrund, insofern ist es für mich einfacher, schnell etwas zu verändern. Für große Unternehmen ist es schwieriger das Material immer wieder zu testen und sie müssen viel Geld für die Produktentwicklung ausgeben. Ich habe dadurch einen großen Vorteil und kann „slow fashion“ einfacher leben und umsetzen.

Nachhaltigkeit ist auch immer eine Frage des Preises. Geht für Dich der Trend der Konsumenten eher dahin, mehr auf den Preis, mehr auf das Design oder mehr auf die Nachhaltigkeit zu achten?

Ich bin keine BWLerin und habe keinen großen Marktüberblick, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es auch im Direktvertrieb, also ohne Zwischenhandel, ein harter Kampf ist. Ich liege oft deutlich über dem Durchschnittspreis und halte meine Kinderlinie mehr aus Enthusiasmus – vorrangig kommt der Umsatz aus meiner Erwachsenenlinie. Die Gruppe von Menschen, die bereit ist, für ein ökologisches Produkt mehr Geld auszugeben, ist meiner Einschätzung nach immer noch sehr klein.

© Susanne Krauss
100% Virendicht, PFC- & PTFE-frei: Sympatex-Material

Was kann ich tun, wenn ich wenig Geld habe, aber Wert auf nachhaltige Textilien lege?

Der Second-Hand-Markt ist hier sicherlich ein guter Weg – ich denke es ist ein großer Vorteil, dass man viele Sachen gebraucht kaufen kann. Es ist auch wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Kleiderschränke sowieso zu 90% überfüllt sind. Es ist daher immer besser, sich einen Pullover zu kaufen, der vielleicht etwas teurer ist, aber dafür nachhaltiger und hochwertiger und dadurch viel länger in Gebrauch, als fünf Pullover, die quasi von Beginn an Müll sind. Oder wie Umweltschützerin und Kreativikone Vivienne Westwood es einmal formulierte: „Buy less, choose well, make it last – because we don’t need so much.“

Auf der Welt leben immer mehr Menschen und die Bevölkerungsanzahl wird weiterwachsen. Der Kampf um Rohstoffe hat längst begonnen. Wird sich das Konsumverhalten grundsätzlich ändern (müssen)?

Ja, unbedingt! Hier bin ich Patagonia auch dankbar, dass sie in dieser Richtung Werbung machen. „Don’t buy this jacket“ war hier die erste große Marketing-Aktion und jetzt auch die „Worn Wear-Kampagne“. So kann man den Verbraucher auf das Thema „Konsumreduzierung“ aufmerksam machen. Das ist total antikapitalistisch, aber eigentlich höchste Zeit – wird aber natürlich von den meisten Unternehmen aufgrund dessen auch nicht unterstützt. Das Hauptcredo bei den Unternehmen lautet nach wie vor Gewinnmaximierung. Jedoch bleibt die Frage offen, ob der Markt das „Problem“ Konsumverhalten selbst regelt oder ob er von außen gesteuert werden muss. Ich habe mich viel mit Postkapitalismus und Ökonomen wie Niko Paech beschäftigt – aber ich weiß nicht, ob das in der Realität funktioniert –  obwohl ich persönlich die Ansätze genial finde.

© Susanne Krauss
Barbara Heinze bietet auch einen Repair & Upcycling Service an

Du bietest einen Repair & Upcycling Service an, nehmen ihn die Kunden wahr?

Dieser Service wird extrem stark in Anspruch genommen. Ich bin hier in einer absoluten Nischenposition vertreten, da es aktuell nicht viele Möglichkeiten einer qualitativ guten Reparatur von Outdoorwear gibt. Das Schneiderhandwerk stirbt leider aus – ich habe auch schon sehr oft überlegt aufzuhören. Schon im Märchen ist vom „armen Schneiderlein“ die Rede – und auch im Alltag war dies oftmals bittere Realität. Das Schneiderhandwerk war leider schon immer schlecht bezahlt und nur die Schneider in der Stadt mit zahlungskräftiger Kundschaft hatten ein gutes Auskommen. Und durch die Industrialisierung ist die Wertigkeit der Kleidung weiter dezimiert worden.

Aber durch die Reparatur wird das Schneiderhandwerk wieder hoffähig und dadurch sind Schneidermeister, die ihr Handwerk verstehen, wieder gefragt. Der Trend rund um kreative DIYs, Upcycling und Repaircafés führt zu einer verstärkten Nachfrage. Mittlerweile legen viele Menschen wieder mehr Wert auf nachhaltige Produkte. Aber natürlich sprechen wir hier von einer Oberschicht – bei dem Großteil der Bevölkerung ist dieser Trend noch nicht angekommen.

Inzwischen gibt es so viele Siegel und Zertifikate, dass sie Verbraucher eher verunsichern, als eine Orientierung bieten. Wo kann man sich am besten über faire & nachhaltige Mode informieren?

Verbraucher sollten auf jeden Fall sehr aufmerksam sein. Viele Hangtags sind nur Marketing und bewerben die firmeneigenen Labels. Die Firma VAUDE hat z.B. das Green Shape – Label ins Leben gerufen. Diesem vertraue ich im Moment noch am meisten von allen Outdoorbrands. Der Verbraucher sollte sich durch vermeintlich ökologische Labels nicht täuschen lassen, da viele hier extremes Greenwashing betreiben. Am besten ist es, sich vor dem Kauf online schlau zu machen. Man sollte versuchen, hinter die Kulissen zu schauen und prüfen, ob es sich um ein firmeneigenes Label handelt oder nicht. Der umweltfreundliche und faire Einkaufsratgeber von Greenpeace bietet hier auch eine gute Übersicht. Ein Bewusstsein für diese Problematik muss jedoch beim Verbraucher vorhanden sein. Mit dem staatlichen Label Grüner Knopf wird hier aktuell noch ein neues, übergeordnetes Label geschaffen. Jedoch sind hier die Richtlinien bereits stark verwässert worden, da sie zu Beginn wohl zu streng waren. 

Wie lebst Du Nachhaltigkeit persönlich und hast Du einen ganz besonderen Tipp zum Thema Nachhaltigkeit und Mode im Alltag, den jeder kennen sollte?

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sind sehr wichtig. Und was man umsetzen kann, sollte man auch umsetzen. Ich habe seit einem Jahr kein Auto mehr und nutze CarSharing-Angebote sowie das Fahrrad, ich kaufe – wenn überhaupt – nur ökologische und fair gefertigte Kleidung und biologisch angebaute Lebensmittel. Kleidung ist zwar ein Grundbedürfnis der Menschen, aber man muss anfangen umzudenken, achtsamer einkaufen und sich nicht einfach als Belohnung mal schnell ein T-Shirt kaufen. Auch das Thema Plastik ist eine große Problematik – auch hier ist die Achtsamkeit besonders wichtig.

 

©Susanne Krauss
Barbara Heinze lebt Nachhaltigkeit nach dem Motto: "Buy less, choose well, make it last – because we don’t need so much“ von Vivienne Westwood.
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